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Drehwurm
Kann man sich schwindelig fahren? Das NEWS-Team trat zwischen Salzburger Land und Trentino den Selbstversuch an und begab sich zwischen Pässen und Tälern auf die Suche nach dem ultimativen Alpenkick.
Mehr als 700 Kilometer stupide Autobahnfahrt haben unsere Gelenke über den Tag einrosten lassen. Da kommt der Swing durch den nördlichen Zipfel des Salzburger Landes gerade recht. Einziger Wehrmutstropfen: Dicke Plusterwolken umhüllen die Gipfel der Chiemgauer Alpen, auch weiter südlich verstecken sich die Loferer Steinberge in einer wuschig-grauen Hülle. Ochsenhorn, Reifhorn und Breithorn: Von den bis zu 2500 Meter hohen Massiven ist nix zu sehen.
Auch wir vergraben uns in unserer heimeligen Herberge, dem Landhaus Eva-Marie von der Moho-Kette. Eine heiße Dusche und die deftige Küche von Motorradwirt Stefan entschädigen für die Torturen des Tages. Aber kaum haben das leckere Stiegl Goldbräu und der Blick auf die Landkarte die Laune angehoben, sorgt unser Wirt wieder für lange Gesichter: Auf dem Großglockner hat es letzte Nacht 20 Zentimeter Neuschnee gegeben - die Hochalpenstraße ist geschlossen. Aber die Pustertaler Höhenstraße liegt auf unserem Weg nach Vintl in Südtirol. Die sei toll. Und die wollen wir uns nicht entgehen lassen. Doch Kachelmann ist uns nicht hold: Das Kitzbüheler Horn, den Jochberg, Paß Thurn, Mittersill und die Venediger Gruppe bringen wir am nächsten Tag mit Tunnelblick hinter uns - Hauptsache, wir kommen schnell nach Süden.
Hinter Lienz ist die Pustertaler Höhenstraße ausgeschildert. In Radfahrerkreisen gilt die knapp 30 Kilometer lange Strecke mit Steigungen bis 17 Prozent als anspruchsvolle Kletterpartie. Doch ist das Wetter zu schmierig, die Socken zu nass und unser Zeitplan zu eng. Nach 150 Kilometern Dauerdusche erreichen wir Südtirol und damit endlich den Frühling. Wie von der Kette gelassen ballern Hansdampf Till und Heißsporn Guido drauflos. Sie legen ein Tempo vor, dank dem wir trotz der Seefahrt vom Vormittag mit heißen Reifen auf den Hof vom Moho-Haus Lodenwirt in Vintl rollen. Das Wellnesshotel ist noch keine zehn Jahre alt und lehnt sich thematisch an die benachbarte Lodenwelt an. Ein Museum, in dem es um den Weg der Wolle geht: vom Schaf bis zum fertigen Stoff. Die Zimmer und Flure sind mit stimmungsvollen Fotografien aus dem alltäglichen Leben des Schäfers geschmückt - und die Gäste schlafen auf Schafwollmatratzen.
Unsere Stärkung spiegelt die alpenländisch und mediterran angehauchten Küche des Hauses wieder: Pizza aus dem Holzofen. Das Atmen fällt ob des vollgestopften Magens noch schwer, als wir unseren Ausflug ins Pustertal nachholen. Es geht über die gewundene Asphaltschleife mit dem wohlklingenden Namen Strada del Sole - Sonnenstraße - zurück nach Bruneck und von dort nach Süden Richtung Villnößtal. Ab San Martino in Badia schrauben wir uns zickezacke westwärts ins Unterholz der nördlichen Dolomiten.
Die Berge tragen ein sattgrünes Frühlingskleid; jeder eine andere Farbnuance, ich fühle mich an den Kunstunterricht erinnert, in dem wir die Grün- und Blautöpfchen unserer Wasserfarbkästen leerschrubbten. Tunnel-Einfahrten fühlen sich an wie ein Sprung ins kalte Wasser, bevor einen am Ende die milde Frühlingsluft wie ein gewärmtes Handtuch wieder in die Arme nimmt.
Durchs Grödener Tal geht es mit Blick auf die Sellagruppe nach Südosten. Was folgt ist ideales Sumo-Geläuf: Manche Abschnitte sind so durchlöchert, dass mir auf der eigentlich recht touristisch abgestimmten Speed Triple die Zähne klappern. Teilweise fehlen in der Fahrbahndecke ganze Stücke. Am Grödner Joch sind die Autobahnkanten der Reifen sind längst abradiert und uns wird langsam schwummerig vom anhaltenden Links-Rechts-Gewedel. Während Till und Guido mit Triumph Tiger und KTM SM-T vorauspreschen, steht Frank und mir mit Ducatis 1100er Monster und der Speed Triple der Sinn mehr nach fröhlichem Reisetempo mit dem einen oder anderen Seitenblick aufs Dolomiten-Panorama.
Immer die Marmolata im Visier, den höchsten Berg der Dolomiten, rollen wir in Arabba vor das Hotel Olympia. Einer Sage nachwar die Marmolata früher ein eisfreier Berg mit Almen. Zum Gletscher wurde sie, weil zwei Bauern die Heuernte am Feiertag nicht, wie üblich, für den Kirchgang unterbrachen. Danach soll es so lange geschneit haben, bis die ganze Marmolata von einem Gletscher bedeckt war.
Glasklare Luft und ein wolkenfreier Himmel, wie er auf den Hochglanzprospekten der Skihotels nicht knalliger sein könnte, empfangen uns am nächsten Morgen. Man sagt, wenn man bei solchem Wetter auf die „Königin der Dolomiten“ klettert, könne man am Horizont sogar das 120 Kilometer entfernte Venedig schimmern sehen. Wir schleppen uns verschlafen die ersten Kilometer hinauf zum Pordoijoch, dem zweithöchsten asphaltierten Dolomiten-Pass. ...
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